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HAUNTOLOGY: Vielleicht hätte dieser Essay gleich in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts geschrieben werden müssen. 2006 beispielsweise – zu einer Zeit, in der das mysteriöse Wort „Hauntology“ fast täglich durch die Blogs des britischen Kulturjournalismus schwirrte. Im Kern ging es damals um Musik, genauer: um die Krise der elektronischen Musik in einer vom Neoliberalismus geprägten Welt. Im weiter gefassten Sinne aber ging es um viel mehr: Um die Frage nämlich, wie kultureller Fortschritt am Beginn des neuen Jahrtausend gestaltet und forciert werden könnte. Zentrale Figur in diesem Diskurs war der Londoner Kulturkritiker und Blogger Mark Fisher alias k-punk (k-punk.org). Sein Zeugnis für die Zukunftsentwürfe der Gegenwart fiel denkbar vernichtend aus – zumindest verglichen mit den Visionen vorangegangenen Generationen. Während sich die technologische Entwicklung gigantisch beschleunigt habe, sei der kulturelle und politische Fortschritt fast vollständig zum Stillstand gekommen. Noch immer gelte der Kapitalismus gemeinhin als alternativlos – fast wie zu Beginn der Neunziger Jahre, als Philosophen wie Francis Fukuyama das Ende der Geschichte ausriefen und der ökonomische und politische Liberalismus als finale und einzig vorstellbare Regierungsform deklariert wurde. Schon damals in den Neunzigern meldete Jacques Derrida Zweifel an einem solchen Ende der Geschichte an. Den Kommunismus und mit ihm Karl Marx sah er vielmehr in einem Zwischenzustand zwischen tot und lebendig: als Phantom, welches als Idee weiterexistiere und in Krisenzeiten des Kapitalismus immer wieder in Erscheinung trete. Derrida führte für dieses Phänomen den Begriff der „Hauntologie“ ein: Gespenster der Vergangenheit, welche die Gegenwart ungefragt heimsuchen und mitunter schmerzvoll den status quo in Frage stellen. Eine angemessene Kritik der Gegenwart müsse eben jenen Gespenstern gleichzeitig offen wie auch kritisch gegenübertreten. Oder anders formuliert: für kulturellen Fortschritt müssten selbst tragisch gescheiterte Utopien mit all ihrer Naivität willkommen geheißen, aus der Gegenwart heraus kritisch hinterfragt und schließlich neuformuliert in die Zukunft übersetzt werden. In den Nullerjahren verfeinerte Mark Fisher das Konzept der Hauntologie und weitete es auf zahlreiche Bereiche von Kultur und Gesellschaft aus. Überhaupt sah er die Hauntologie nicht an ein bestimmtes Genre gebunden, sondern als generelle Denkweise und Lesart von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Spätestens 2006 war für Mark Fisher beispielsweise klar, dass es keine elektronische Musik mehr gebe die „futuristisch“ klinge. Zu wenig habe sich dafür diese Musikströmung weiterentwickelt. Was Komponisten wie Pierre Schaeffer oder Karlheinz Stockhausen fast ein halbes Jahrhundert lang gelungen sei – einen Klang zu kreieren, der sogar von Film und Fernsehen für die Darstellung der Zukunft verwendet wurde – habe im neuen Jahrtausend kein Äquivalent gefunden. Der Klang der vormaligen Avantgardisten sei ohne Weiterentwicklung nun selbst retrospektiv und nostalgisch geworden, gleichsam ein Blick in die Zukunft aus der Vergangenheit heraus. Überhaupt sei die Musikkultur plötzlich in einen „Retro-Modus“ verfallen, bei dem die Vergangenheit auf einer oberflächlichen Stilebene völlig unreflektiert reinszeniert würde. Was bleibe, sei die Auslöschung von Gegenwart und der fehlende Glaube an eine (andere) Zukunft gleichermaßen. Fasziniert hingegen war Fisher von Bands wie Burial oder Belbury Poly, deren Klangbilder er als hauntologische Phänomene charakterisierte. Auch sie beschäftigten sich mit Spektren aus der Vergangenheit, oftmals basierend auf Aufnahmen des Sample- und Soundarchiv des BBC Radio Workshop. Im Gegensatz zum Mainstream wurde die Vergangenheit dort jedoch nicht auf rein formaler Ebene als Vintage-Geist wiederbelebt, sondern durch Sampling inhaltlich mit der Gegenwart und Zukunft verknüpft. Zweifelsohne klingt auch diese Musik nostalgisch. Aber es ist eine andere Form von Nostalgie: Sie blickt aus der Vergangenheit heraus in die Zukunft, fragt drängend, ob gescheiterte Utopien nicht doch eine Chance verdient hätten wahr zu werden. An dieser Stelle ist es wichtig, sich den Charakter von „Gespenstern“ noch einmal zu vergegenwärtigen: Sie sind weder tot noch lebendig, weder anwesend noch abwesend, gehören weder der Vergangenheit, Gegenwart noch der Zukunft an. Gespenster lassen sich daher auch nicht mit binären Gegensatzpaaren wie richtig/falsch, gut/böse oder wirklich/unwirklich erfassen – sie sind auf paradoxe Weise in einem spektralen Grenz- und Zwischenraum angesiedelt. Dabei sind sie nicht zwangsläufig „schrecklich“ oder „unheimlich“, meist jedoch „nervig“. Sie kommen zur falschen Zeit an den falschen Ort, an dem eigentlich kein Platz für sie existiert. Genau diese Eigenschaften aber machen sie für das hauntologische Denkmodell so fruchtbar: Gespenster katapultieren etwas vermeintlich tot Geglaubtes zurück in die Gegenwart und werden damit zu einer Art Korrektiv. Ungefragt stellen sie der Gegenwart eine mögliche Alternative gegenüber und appellieren an unsere Imagination. Unangenehm sind sie vor allem deshalb, weil sie uns in die Pflicht nehmen wollen: ändert etwas! Solche Gespenster könnte man als hauntologisch beschreiben. Im Jahre 2018 täten wir gut daran, ihr subversives Potential zu erkennen und uns von ihnen in die Pflicht nehmen zu lassen. Die Gegenwart erschiene schärfer, wenn wir den problematisierenden Gespenstern mehr Aufmerksamkeit schenkten als den Stilgeistern. Nun liegt es nahe, die Phänomene der Hauntologie auch auf das Feld der Architektur zu übertragen. Weniger mit dem Ziel, eine hauntologische Architektur zu identifizieren (dazu fehlt dem Konzept zweifelsohne die Schärfe). Sicher aber mit dem Gedanken, eine Art Standortbestimmung vorzunehmen und Architektur auf seine Bindungen an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin zu untersuchen. Die Geister der Vergangenheit sind auch in der Architektur omnipräsent – im positiven wie im negativen Sinne, gewollt oder ungewollt. Entscheidend ist, welche Erscheinungsform wir ihnen zubilligen: Sind es oberflächliche Stilgeister, die mit inhaltsloser Retrospektion den Verlust von Zukunft nicht gerade zu bedauern scheinen, sondern sich stattdessen im Wohlfühlbad vergangener Zeiten zurücklehnen? Gegenwärtig sind jene Vintage-Geister unübersehbar. Zu gut bedienen sie das Bedürfnis nach Stabilität in einem entfesselten Neoliberalismus. Oder aber sind es „problematisierende“ Geister aus der Vergangenheit, welche an unseren heutigen Bildern und Vorstellungen der Dinge rütteln? Und dabei immer wieder den Finger in die Wunde legen und fragen: Ist die Wirklichkeit tatsächlich so alternativlos, so weit entfernt von allen Utopien, auch vergangenen und gescheiterten? Müssen diese Geister zwangsläufig musealisiert werden oder verdienten sie es nicht aufzuerstehen, in aktualisierter Form freilich? Architektur in diesem Sinne wäre mutiger, hoffnungsvoller und nicht zuletzt auch provokativer. Der International Style beispielsweise ist ein solcher Geist, der in der Gegenwart danach drängt erneut bearbeitet zu werden. Viele seiner utopischen Ideale wie (Werte-) Universalismus, Funktionalismus, Loslösung von örtlichen und geschichtlichen Gegebenheiten erscheinen in der Rückschau als tragisch gescheitert, als hoffnungsvoll erwartet aber niemals erfüllt. Und es wäre fatal, diesen Geist zu idealisieren und ihn unreflektiert wiederbeleben zu wollen. Hingegen könnte eine kritische Revision äußert fruchtbar sein – denn hat nicht auch der postmoderne Hang zum Spezifischen und Lokalen in der Architektur mittlerweile viele Leerstellen offenbart? Würde es sich nicht lohnen, doch noch einmal über so etwas wie „Allgemeingültigkeit“ nachzudenken, ohne jedoch erneut in die Falle der Standardisierung zu tappen? Solche Überlegungen schwirrten durch unsere Köpfe, als wir im Sommer 2017 gemeinsam mit Juliane Greb und Petter Krag den Wettbewerb für das genossenschaftliche Wohnen der Kooperative Großstadt in München Riem bearbeiteten. Dabei war das Gespenst des Universalismus eigentlich schon durch die Auslober selber wachgerufen worden, als sie ihren Wunsch nach einem gleichermaßen robusten, straff organisierten wie auch langfristig adaptierbaren Haus für das genossenschaftliche Wohnen formulierten (so jedenfalls unsere Lesart der Wettbewerbsausschreibung). Dieser Geist erscheint in der Gegenwart aber zunächst als „problematisch“, nagt er doch an unserem heutigem Streben nach Individualität, persönlichen Freiräumen und vielleicht auch Unverbindlichkeit. Es ist ein hauntologischer Geist, welcher von einer niemals wahrgewordenen Utopie spricht – und damit den Zeitgeist heimsucht! Uns interessierten diese Reibungen sehr, genau in diesem Spannungsfeld sollte unser Wettbewerbsbeitrag angesiedelt sein. Rasch stand fest, dass das Gebäude sowohl in seinem Städtebau als auch in seiner inneren Logik möglichst universell sein sollte (also auch dogmatisch, was sicherlich zu den heutigen Tendenzen gegenläufig ist). Nur mit dem Gedanken der Universalität war es für uns denkbar, auch den Zeitgeist der Vielfalt und Individualität in das Gebäude einziehen zu lassen. Im Entwurf ringen nun beide Pole miteinander: Mal gewinnt das Allgemeingültige, mal das Spezifische der Bewohner. Beim Zugang in die Wohnungen siegt gleich das Universale: Man landet in einem zentralen Hallenraum, welcher gleichermaßen Eingang, Küche und Erschließungsraum für die Zimmer ist. Gemeinsam mit den Treppenhäusern, Liften und Bädern bilden diese zentralen Räume das Rückgrat des Gebäudes. Funktionalistisch im negativen Sinn könnte man diesen Plan bezeichnen, wenn man die Anordnung als flächensparenden Kompromiss betrachtet. Wir jedoch lesen den Geist des Funktionalismus hier als Denkweise um Lebensqualität und Bequemlichkeit zu schaffen. Denn umgekehrt bedeutet die Bündelung dieser Funktionen auch gleichzeitig eine Vergrößerung der Küche, des Eingangs oder des Flurs. Nach außen hin schließt sich zu beiden Fassaden hin eine Raumschicht von immer gleichgroßen Zimmern an. Wobei es vielmehr Andeutungen von Zimmern sind: Wände mit großen Öffnungen ziehen sich in regelmäßigem Rhythmus über den Grundriss und Schnitt des Gebäudes hinweg. Ihr Abstand ist so gewählt, dass jede Raumeinheit für sich ein wohlproportioniertes Zimmer ergibt, aber auch mehrere Achsen zu einem Raum zusammengefasst werden können. Raumabschlüsse werden durch nichttragende „Füllungen“ dieser Öffnungen geschaffen. Diese räumlichen Füllungen erlauben zusammen mit ihren Türen das Wachsen und Schrumpfen von Zimmern wie auch von ganzen Wohnungen. Es ist der Versuch, den Geist der rationalen Struktur mit der Utopie eines wandelbaren Gebäudes zu versöhnen. Blickt man pessimistisch in die Architekturgeschichte, könnte man darin einen wiederbelebten – weil schon einmal gescheiterten - Strukturalismus entdecken: magische Modularität mit offenem Ausgang (zeitlich und räumlich). Hier glauben wir aber hinzugelernt zu haben: Die Struktur des Hauses ist in all ihren räumlichen Qualitäten klar definiert, insbesondere sind ihre Ränder - d.h. die Gebäudehülle und ihre Erscheinung als Stadtbaukörper – unveränderlich festgelegt. Der Ausdruck des Hauses ist im Gegensatz zu strukturalistischen Beispielen fertig entworfen! Nach außen hin soll sich das Gebäude jetzt und in Zukunft als EIN Haus präsentieren, die Vielzahl der unterschiedlichen Wohnungstypen und öffentlichen Nutzungen werden durch vereinheitlichende Fassaden zusammengefasst. Sie sprechen weniger vom individuellen Programm, als vielmehr von der Idee eines gemeinschaftlichen Stadthauses. Dies verstärken wir, indem wir das Gebäude ungeachtet der L-förmigen Parzelle als Zeile mit Kopf lesen und somit die Gebäudelänge strecken. Im Erdgeschoss werden Eingang, Café und Werkstatt durch große Fenster vor dem Hintergrund der durchlaufenden Fassade markiert. So nimmt der Ausdruck des Hauses keinen direkten Bezug auf die Umgebung, sondern präsentiert vielmehr ein autonomes Gebäude, welches seine Daseinsberechtigung aus der inneren Funktion heraus entwickelt. Die Zukunft müsste zeigen, ob wir die Geister der Vergangenheit ausreichend kritisch gewürdigt und umgedeutet haben. Nicht ausgeschlossen, dass wir dabei Fehler wiederholen, dass wir naiv in bekannte Fallen tappen. Dieses Risiko scheint es uns jedoch wert zu sein: Zu greifbar erscheint die Idee, eine niemals gekommene Zukunft doch ein Stück weit Wirklichkeit werden zu lassen.
Publiziert in: PLANPHASE No 7 LEARNING FROM (München: 2018), S. 157-160

GENOSSENSCHAFTLICHES WOHNHAUS MÜNCHEN, KOOPERATIVE GROSSSTADT, MIT BÜRO GREB, 2017-2020